Unter dem Begriff ‚Yoga‘ werden heutzutage die verschiedenartigsten Yoga-Arten und -Stile angeboten. Gerade für Neueinsteiger ins Yoga ist es oft schwierig, sich für einen geeigneten Yogakurs zu entscheiden.
Dieser Blogbeitrag befasst sich mit dem Aufbau und der Methodik meiner Yogakurse für Männer, welche Elemente des klassischen Hatha-Yoga enthalten. Zudem wird ein Vergleich zu den sog. modernen Yoga-Arten aufgestellt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Angenommen Sie haben von Bekannten, Freunden oder Ihrem Arzt gehört, dass Ihnen Yoga guttun würde. Sie haben aber selber noch kein Yoga praktiziert und kennen die unterschiedlichen Yoga-Arten und -Stile noch nicht. Dieser Beitrag soll Ihnen helfen, sich im ‚Yoga-Dschungel‘ zurecht zu finden, damit Sie sich zu einem Yogakurs anmelden können, der Ihrem Geschmack und Ihrer Gesinnung entspricht.
Beim Wort Yoga haben die meisten Menschen eine bestimmte Vorstellung. Die einen assoziieren Yoga mit einer Person, welche im Padmāsana (Lotosstellung) sitzt und meditiert, andere wiederum verbinden damit verschiedene Yoga-Stellungen.
Das Wort Yoga stammt aus der altindischen Sprache Sanskrit. Die Verbalwurzel yuj bedeutet «einen, vereinigen, anbinden, anjochen». Das aus dieser Verbalwurzel abgeleitete Wort Yoga kann somit mit «Einheit, Einung, Vereinigung, Verbindung» übersetzt werden. Das deutsche Wort Joch ist mit diesem Begriff sprachverwandt.
Yoga meint die Einheit oder Einung zwischen unserer oberflächlichen Natur (Körper, Vital und Mental) und den höheren, transzendenten Bewusstseinsebenen, welche in den indischen Schriften als Ātman oder das göttliche SELBST bezeichnet werden.
Vergleich unseres Yoga-Stils mit den modernen Yoga-Arten
Leider werden die klassischen Yoga-Arten immer mehr durch moderne Yoga-Stile verdrängt. Die letzteren enthalten zwar ebenfalls Elemente des klassischen Hatha-Yoga, doch folgen diese einer anderen Methodik und deren Yogalektionen sind teilweise anders aufgebaut.
„Die meisten Yoga-Systeme erfahren ständig eine gewisse Evolution, indem im Einklang mit dem Zeitgeist und regionalen Erfordernissen des kulturellen und gesellschaftlichen Umfelds Modifikationen vorgenommen werden und neue Übungsstile entstehen. …
In diesem Kontext ist der Yoga häufig eher der Rubrik Fitness und Wellness zuzuordnen … .“
Auszug aus dem Yoga Lexikon von Wilfried Huchzermeyer
Was sind moderne Yoga-Arten?
Die modernen Yoga-Arten wurden fast allesamt nach den 1980-er Jahren in den USA entwickelt. Einige davon haben zu einem regelrechten Boom geführt. Die meisten modernen Yoga-Arten folgen nicht nach den klassischen Prinzipien. Es sind entweder Yoga-Arten, welche als sog. Flow-Stile (ohne statisches Halten der Stellungen) fliessend ausgeführt werden, oder falls gehaltene Stellungen praktiziert werden, erfolgt keine Entspannung zwischen den Übungen.
Hier einige der modernen Yoga-Arten:
- Power-Yoga
- Ashtanga (Vinyasa) Yoga
- Bikram Yoga (Hot Yoga)
- Anusara Yoga
- usw.
Unterschied unseres Yoga-Stils zu den modernen Yoga-Arten
Mit Hilfe der unten stehenden Tabelle erhalten Sie einen schnellen Überblick über die Hauptunterschiede unseres klassischen Yoga-Stils zu den modernen Yoga-Stilen. Detaillierte Aspekte unseres Yoga-Stils sind weiter unten aufgelistet.
| Kursaspekte | Unser Yoga-Stil | Moderne Yoga-Stile |
|---|---|---|
| Kursdauer: | 90 Minuten | 60 - 75 Minuten |
| Statisch oder Flow-Stil: | statisch (Halten der Yogastellungen) | meistens fliessend (Flow-Stil) |
| Entspannungsphasen: | Anfangsentspannung Schlussentspannung Entspannung nach jeder Yogaübung | keine Entspannung zwischen den Übungen kurze Entspannung am Schluss |
| Wirkungen: | alle Ebenen betreffend (körperlich, vital und mental) | meist nur körperlich |
Aufbau und Methodik unserer Yogakurse
Unsere Yogakurse sind durch den klassischen Hatha-Yoga-Stil von Yogi Paramapadma Dhirananda beeinflusst und enthalten auch Yoga-therapeutische Methoden. Zudem basiert unsere Yoga-Arbeit auf den Lehren des Integralen Yoga gemäss Sri Aurobindo und Mirra Alfassa (die Mutter).
Kursdauer 90 Minuten
Damit genügend Zeit für alle unten erklärten Aspekte einer erfolgreichen Yogalektion vorhanden ist, sollte diese mindestens 90 Minuten dauern.
Halten der Yoga-Stellungen
In unseren Yogakursen werden die Yoga-Stellungen (Āsanas) eine Zeitlang gehalten. Dadurch wird der Blutkreislauf in bestimmten Körperteilen jeweils leicht blockiert. In der nachfolgenden Entspannung in Śavāsana (Totenstellung) kann dann das Blut in den besagten Stellen mit erhöhter Geschwindigkeit hindurchfliessen. Dies hat eine entschlackende Wirkung, da die Schmutz- und Schlackenstoffe dadurch mit sich gerissen und später ausgeschieden werden können.
Bei den meisten modernen Yoga-Arten werden die Übungen fliessend (Flow-Stil) ausgeführt, ohne dabei länger in der Stellung zu bleiben. Dadurch kann die oben beschriebene nachhaltige Wirkung nicht erzielt werden.
Im klassischen Yoga gehören zwar der Sonnengruss (Sūrya Namaskāra) und Atem geführte Bewegungsabläufe (Kāraṇas) als fliessende Übungen dazu, doch werden diese Übungen mit einer begrenzten Anzahl Runden praktiziert und danach jeweils entspannt.
Achtsame und langsame Bewegungen
Die heutige Zeit ist durch dauernde Hektik und Reizüberflutung geprägt. Man findet kaum noch Momente der Ruhe und Entspannung und man fühlt sich häufig gestresst (siehe auch der Beitrag Yoga gegen Stress). Um diesem negativen Kreislauf zu entgehen, ist Entschleunigung im Leben angesagt.
In den Yogakursen ist es uns ein Anliegen, alle Bewegungen langsam und achtsam auszuführen. Achtsamkeit (engl. mindfulness) und Verinnerlichung werden in unseren Yogalektionen jeweils auf folgenden drei Ebenen geübt:
- Achtsamkeit auf der körperlichen Ebene durch Konzentration auf verschiedene Körperteile während der Übung sowie durch bewusste Bewegungsabläufe.
- Achtsamkeit auf der vitalen Ebene durch Beobachtung des Atems und der Kontrolle der Emotionen.
- Achtsamkeit auf der mentalen Ebene durch Kontrolle der Gedanken.
Einbezug des Atems
Die Atmung nimmt in der indischen Philosophie eine zentrale Rolle ein. So heisst es in den indischen Schriften (Kauṣītaki-Upaniṣad): «Leben ist Atem, Atem ist Leben.»
Alle Yogaübungen werden in unseren Yogakursen durch eine klare Ansage der Atemführung angeleitet. Bewusstes Atmen in jedem Moment erweitert unser Bewusstsein. Atemübungen und Atem geführte Bewegungsabläufe (Kāraṇas), welche auch ein Bestandteil unserer Yogalektionen sind, haben eine harmonisierende und beruhigende Wirkung auf das Vital (Emotionen, Nerven) sowie das Mental (Gedanken) und geben unserem Körper mehr Energie.
Abwechselnde Anspannungs- und Entspannungsphasen
Das Sanskrit-Wort hatha, welches den Namen für den Hatha-Yoga geprägt hat, bedeutet ‹Zwang, Gewalt, Notwendigkeit›. Viele moderne Yoga-Stile fassen diese Übersetzung des Sanskrit-Wortes hatha rein wörtlich auf und sie definieren Hatha-Yoga als eine kraftvolle Form des körperlichen Yoga (z.B. Power-Yoga).
Im klassischen Yoga wird aber die Bedeutung von hatha symbolisch ausgelegt:
- ha bedeutet ‹Sonne› oder ‹aktiv›
- tha bedeutet ‹Mond› bzw. ‹passiv›.
Dies meint, dass jede Übung aus einer ha-Phase, das heisst einem aktiven Teil und einer tha-Phase, einem passiven Teil (= Entspannungsphase) besteht.
Entspannungsphasen während einer Yogalektion sind sehr wichtig, damit die Wirkungen der Übungen sich richtig entfalten können. Śavāsana (Totenstellung) sollte in folgenden Teilen einer Lektion enthalten sein:
- Anfangsentspannung
- Entspannung nach jeder Übung
- Entspannung nach jeder Runde innerhalb einer Übung
- Schlussentspannung
Energieaufbau
Unser Blutkreislauf wird durch die verschiedenen Yoga-Stellungen sanft angeregt. Dies bewirkt, dass der über die Lungenbläschen (Alveolen) ins Blut gelangte Sauerstoff (O2), mit Hilfe der roten Blutkörperchen, vermehrt zu den verschiedenen Körperzellen transportiert wird. Dank der Entspannungsphasen nach den Übungen hat der Sauerstoff jeweils genügend Zeit, in die Zellen einzudringen. In den Zellen nehmen dann die Mitochondrien (Zellkraftwerke) den Sauerstoff zusammen mit Glukose auf und lassen daraus Adenosintriphosphat (ATP) entstehen. ATP ist ein chemisches Molekül, das in jeder Zelle eines Lebewesens Energie bereitstellt. Diese Energie ist für sämtliche Körperbewegungen und für den Stofftransport notwendig.
Ausgewogenheit der Übungen unter Einbezug aller Bewegungsebenen
In unseren Yogalektionen achten wir auf eine Ausgewogenheit der gewählten Yoga-Stellungen in Bezug auf folgende Gesichtspunkte:
- Ausgewogenheit bei den liegenden, sitzenden und stehenden Stellungen.
- Ausgewogenheit in den Bewegungsrichtungen der Wirbelsäule (vorwärts, rückwärts, seitlich und Drehbewegung).
- Ausgleich von Vorwärts- durch Rückwärtsbeugeübungen.
- Ausgleich zwischen An- und Entspannung (ha – tha).
- Ausgleich von Sarvāṅgāsana (Kerze) durch Matsyāsana (Fisch) oder Ardha Uṣṭrāsana (halbes Kamel), siehe auch folgender Blogbeitrag.
- Einbau von Atemübungen und Atem geführten Bewegungsabläufen (Kāraṇas).
- usw.
Beachten der Schmerzgrenze
In unseren Yogalektionen achten wir stets darauf, dass die Schmerzgrenze in einer Übung nicht überschritten wird. Der Schmerz ist ein Warnsignal, das die körperlichen Grenzen aufzeigt. Ansonsten besteht die Gefahr, dass man sich verletzen kann. Um beweglicher zu werden, braucht es Geduld und regelmässiges Üben.
Leider hört man immer wieder von Verletzungen, welche im Yoga-Unterricht (vor allem bei den modernen Yoga-Stilen) sich ereignen. In unserer 30-jährigen Unterrichtserfahrung hat sich bisher noch niemand verletzt.
Beachten der körperlichen Einschränkungen
In unserem Yoga-Unterricht erwähnen wir jeweils, welche Übungen bei folgenden Einschränkungen nicht geübt werden sollten:
- hoher Blutdruck
- Herzbeschwerden
- Schilddrüsenüberfunktion
- akute Augenprobleme – z.B. hoher Augeninnendruck
- akutes Schleudertrauma
- Bandscheibenvorfall
- usw.
Als Kursleiter verfüge ich über anatomische Kenntnisse und kann jeweils bei Bedarf die Yogalektion entsprechend anpassen.
Yoga-therapeutischer Ansatz
Eine gute Haltung hängt stark vom gesunden Spannungszustand und einem ausgewogenen Zusammenspiel der Muskeln ab. Verkürzte oder schwache Muskeln kommen sehr oft durch Fehlhaltungen zustande. Mit der Zeit können leider körperliche Probleme und Schmerzen auftreten. Die Beweglichkeit des Körpers hängt von der Flexibilität der Muskeln und Sehnen ab. Kenntnisse über die Funktion und das Zusammenspiel des aktiven Bewegungsapparates mit seinen Muskeln und Sehnen, dies hilft uns, dass wir selber vorsorglich oder korrigierend auf unser eigenes Muskelsystem einwirken können.
Aufgrund dieser Erkenntnisse und Erfahrungen bauen wir entsprechende Übungen in unsere Yogalektionen ein.
Verinnerlichung und Durchseelung unseres Daseins
Das Wort Person kommt vom lateinischen personare, was ‚hindurch tönen‘ bedeutet. Was möchte in uns hindurch tönen? Es ist die Seele, oder gemäss Sri Aurobindo das seelische oder psychische Wesen, Sanskrit: Chaitya Purusha, welche hinter dem Oberflächenbewusstsein, bestehend aus Physis, Vital und Mental, verborgen ist.
Ein im Oberflächenbewusstsein lebender Mensch, und dies sind die meisten Menschen, werden nur vom Ego geleitet. Im Integralen Yoga wird vermehrt gefördert, dass die Seele hervortreten kann und diese die innere Führungsrolle (anstatt des Ego) übernehmen kann. Sri Aurobindo nennt dies die seelische oder psychische Transformation.
Unsere verinnerlichten Yogalektionen helfen, auch im alltäglichen Leben den Hintergrund zum Vordergrund zu machen, nämlich, dass unsere Seele vermehrt die Führung unseres Daseins übernehmen kann. Wenn dies gelingt, wird das Leben harmonischer und eine spirituelle Öffnung kann vermehrt stattfinden.
Fazit
Viele Menschen halten Ruhe und Langsamkeit (noch) nicht aus, da die oberflächlichen Ebenen ihres Bewusstseins durch das hektische und schnelle Leben entsprechend kontaminiert sind. Dies ist auch der Grund, weshalb die modernen, dynamischeren Yoga-Arten mehr Zugang finden, als die klassischen Yoga-Stile.
Um zur inneren Ruhe gelangen zu können, wäre es aber notwendig, die unruhigen Bewusstseinsschichten durch äussere Ruhe und Langsamkeit zu durchdringen, damit diese Ruhe schlussendlich auch in den Körperzellen ankommen kann.
Das Ziel von Yoga ist nicht, mehr Beweglichkeit zur erlangen, sondern das Hervortreten unserer Seele in das Alltagsbewusstsein zu fördern. Natürlich werden dabei Beweglichkeit und eine gute Gesundheit zusätzlich auch gefördert, doch es ist nicht das Hauptziel.


